Eine Bitte ist eine Anrede

„Hoffentlich wird mein Bruder gesund“ und „Gott, lass meinen Bruder gesund werden“ können aus derselben Sorge entstehen. Im zweiten Satz wird jemand angesprochen. Der Wunsch richtet sich an ein Gegenüber, von dem Hilfe erhofft wird. Auch eine unsichere Anrede bleibt eine Anrede: „Wenn du da bist, höre mich.“ Zum Beten muss keine unangefochtene Gewissheit gehören.

Eine Frau bittet einen Freund, sie zu einer Untersuchung zu begleiten. Er kann zuhören, zusagen oder eine andere Hilfe vorschlagen. Durch ihre Bitte ist eine Beziehung in Bewegung gekommen. Sie verfügt dennoch nicht über seine Antwort. Bitten unterscheidet sich darin vom Betätigen eines Schalters.

Dieser Vergleich erklärt einen Unterschied, aber noch nicht Gottes Handeln. Ein Freund kann verhindert sein. Der Glaube an einen guten und mächtigen Gott verschärft gerade deshalb die Frage nach ausbleibender Hilfe. Die Freiheit eines Gegenübers ist keine fertige Erklärung für jedes Leiden.

Trost und äussere Hilfe sind verschieden

Die Schwester wartet auf Nachrichten aus dem Krankenhaus. Im Gebet spricht sie ihre Angst aus. Vielleicht findet sie Ruhe oder den Mut, jemanden anzurufen. Das kann eine wirkliche Hilfe sein. Ihr Bruder ist damit aber noch nicht gesund geworden. Eine Deutung darf ihr nicht nachträglich vorschreiben, sie habe eigentlich nur Trost gebraucht.

Zwei Fragen gehören nebeneinander: Was verändert sich bei dem Menschen, der betet? Und: Was verändert sich in der Situation, für die er bittet? Eine Antwort auf die erste erledigt die zweite nicht.

Nach einer Genesung kann die Frau Gott danken und zugleich die Arbeit der Ärztinnen und Pflegenden würdigen. Eine natürliche Erklärung und religiöser Dank können zusammen bestehen. Der Dank beweist allerdings noch keine besondere göttliche Ursache.

Was meinen wir mit einem Wunder?

Im Alltag nennen wir schon einen überraschend guten Ausgang ein Wunder. In religiöser Sprache kann damit ein Zeichen von Gottes Zuwendung gemeint sein. Eine stärkere Behauptung lautet, dass Gott etwas bewirkt habe, das natürliche Ursachen nicht erklären können. Diese Verwendungen verlangen unterschiedliche Begründungen; ein seltenes Ereignis ist nicht schon ein nachgewiesener Eingriff Gottes.

Der katholische Katechismus versteht Jesu Wunder als Zeichen seiner Sendung und der Gegenwart des Gottesreiches. Sie sollen keine magischen Wünsche bedienen. Das ist eine theologische Deutung ihrer Bedeutung, keine medizinische Prüfmethode. Sie lässt sich nicht in die Zusage übersetzen, jede heutige Bitte um Heilung müsse denselben Ausgang haben. Quelle: Katechismus und Kompendium

Bei einem heutigen Heilungsbericht wären zunächst die Diagnose, der dokumentierte Verlauf, Behandlungen und alternative Erklärungen fachkundig zu prüfen. Danach bleibt die Frage nach der religiösen Bedeutung. Eine bislang fehlende Erklärung beweist keine göttliche Ursache. Umgekehrt nimmt eine gefundene Erklärung einem Menschen nicht seine Dankbarkeit. Weiterlesen über Naturgesetze und Gottes Handeln

Was eine Gebetsstudie untersuchen kann

Wer eine regelmässige messbare Wirkung behauptet, stellt sich auch einer empirischen Frage. Die STEP-Studie untersuchte zusätzliche organisierte Fürbitte bei 1802 Menschen mit koronarer Bypassoperation in sechs US-Kliniken. Die zufällig zugeteilten Gruppen unterschieden sich darin, ob für sie gebetet wurde und ob sie dies sicher wussten. Die Studienfürbitte dauerte 14 Tage. Untersucht wurden vor allem Komplikationen innerhalb von 30 Tagen.

Benson und sein Team berichteten 2006: Unter den Personen, die nicht wussten, ob sie Studienfürbitte erhielten, traten Komplikationen bei 52 Prozent mit und 51 Prozent ohne diese Fürbitte auf. Ein Vorteil wurde damit nicht nachgewiesen. Bei sicher über die Fürbitte Informierten waren es 59 Prozent. Schwere Ereignisse und Sterblichkeit innerhalb von 30 Tagen waren in den drei Gruppen ähnlich. Quelle: STEP-Ergebnisbericht

Das ungünstigere Ergebnis der sicher informierten Gruppe ist ernst zu nehmen; es beweist keine allgemeine Schädlichkeit des Betens und erklärt seinen Mechanismus nicht. Verglichen wurde zusätzliche Studienfürbitte, nicht Gebet mit vollständiger Gebetslosigkeit. Bereits der Studienplan grenzt die Frage nach Gottes Existenz oder grundsätzlicher Antwortbereitschaft aus. Die Studie ist weder ein Heilungsversprechen noch eine Widerlegung jedes Gebets. Quelle: Studienplan

Hoffnung darf die andere Geschichte nicht verdrängen

Nach einer Rettung kann jemand Gottes Hilfe bezeugen. Zum Problem wird daraus eine allgemeine Regel: Wer richtig bete, werde gesund. Im benachbarten Zimmer kann ein Mensch trotz ebenso ernsthafter Bitten gestorben sein. Sein Schicksal darf nicht als Mangel an Glauben ausgelegt werden. Ein günstiger Verlauf begründet keine Rangordnung der von Gott Geliebten.

Auch ein überzeugendes Modell göttlichen Wirkens würde die Frage nach diesem Unterschied nicht beantworten. Warum wird gerade hier geholfen? Warum bleibt die Bitte um ein Kind unerfüllt? Solche Fragen werden nicht dadurch gelöst, dass wir jede Enttäuschung zur verborgenen Wohltat erklären.

Jesu Bitte vor seinem Tod, erzählt in Markus 14, hält den Wunsch nach Verschonung und die Hinwendung zum Vater zusammen. Diese Hoffnung erlaubt keine nachträgliche Rechtfertigung von Gewalt. Auch nach einem Verlust muss niemand sofort einen Sinn finden. Klage, Ratlosigkeit und Schweigen dürfen in einer Gemeinschaft des Glaubens Platz haben.

Beten verändert auch unsere Verantwortung

Die Schwester kann mit dem Behandlungsteam sprechen, Besuche absprechen oder Aufgaben verteilen. Beten kann sie dafür aufmerksam machen. Die Krankheit wird dadurch nicht schon geheilt; dennoch ist die erreichbare Hilfe wertvoll. Wer erschöpft, weit entfernt oder selbst krank ist, muss nicht zusätzlich beweisen, genug getan zu haben. Auch Unterstützung anzunehmen kann Verantwortung sein.

Vier Möglichkeiten eines verantwortlichen Bittens
HaltungWorauf sie achten lässt
Konkret bittenGesundheit, Schutz und Nähe beim Namen nennen.
Aufmerksam handelnErreichbare Hilfe suchen und die eigenen Kräfte beachten.
Klagen dürfenEnttäuschung und offene Fragen zulassen.
Gemeinschaft ermöglichenBei Menschen bleiben, denen Worte fehlen.

Eine Zusage wie „Ich hoffe mit dir“ kann mehr Raum lassen als „Es wird bestimmt gut“. Auch „Ich bete für dich“ sollte die Wünsche des anderen achten. Welche Bitte möchte ausgesprochen werden? Und welche Nähe wünscht sich der Mensch selbst? Psalm 13 kann mit seiner Verbindung von Klage und Vertrauen dazu anregen, diese Fragen offen vor Gott zu bringen.

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